Gibt es in Deutschland eine Alternative zur allgemeinen Hochschulreife oder zum Studium? Droht uns auch eine Überakademisierung nach französischem Vorbild? Sollten wir nicht stolz sein angesichts der Tatsache, dass US-Präsident Barack Obama vor allem eines für vorbildlich erklärt hat: Das duale System der beruflichen Bildung und Ausbildung in Deutschland? Sucht die deutsche Wirtschaft neben dem akademischen Nachwuchs nicht mehr denn je gut ausgebildete Fachkräfte?
Ist es nicht endlich an der Zeit einen Akzent und Kontrapunkt gegen die oft erlebte Überbetonung des Studiums zu setzen und einen Prozess des Umdenkens auszulösen?

Diese und ähnliche Fragen bildeten den Kern des WIN-Forums 2015 mit dem vielsagenden Titel „Hidden Champions – Das Berufskolleg als unterschätztes System“ am Donnerstag, dem 07. Mai 2015, im Engbers-Speicher der Münsteraner Speicherstadt. Initiatoren waren die Wirtschaftsinitiative Münster e.V. (WIN) und das Adolph-Kolping-Berufskolleg.

Michael von Bartenwerffer, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative Münster und Mitorganisator des WIN-Forums, begrüßte die geladenen Gäste aus Wirtschaft, Schulen und Verwaltung mit einem provokanten Verweis auf eine bedenkliche Fehlentwicklung und Fehlsteuerung, die auch den Wirtschaftsstandort Münster betreffe. Gemeint sei der von vielen Fachleuten kritisierte Akademisierungswahn auf Kosten einer zufriedenstellenden Versorgung der Wirtschaft mit qualifizierten Fachkräften. „Uns geht es dabei nicht um ein Entweder-Oder oder ein Gymnasien-Bashing. Uns geht es um ein Sowohl-als-auch und die gleichzeitige Konzentration aller Verantwortlichen auf die akademische und die berufliche Bildung und Ausbildung. Und eine herausragende Rolle dabei spielen die Berufskollegs.“ Bartenwerffer lobte die angenehme und professionelle Kooperation mit dem Adolph-Kolping-Berufskolleg, das das WIN-Forum mit einem repräsentativen Querschnitt aus Stationen, Produkten und Aktivitäten seiner Berufsfelder Backen, Kochen, Service, Fotografie, Druck/Medien, Lack und Gestaltung bereichern konnte.

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe betonte in seinem Grußwort die Bedeutung des dualen Systems und die Leistungen der Berufskollegs: „Das Berufskolleg ist ein wichtiger, potenter und innovativer Bestandteil unserer Bildungslandschaft, leider aber auch ein traditionell unterschätztes System.“ Es sei in seiner Flexibilität und seinen Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und der Kooperation mit der Wirtschaft unschlagbar und biete seinen Schülerinnen und Schülern wie keine andere Schulform die Chance sich in das Wertesystem einer funktionierenden Wirtschaft einzufinden und damit das Vertrauen als Grundstein für eine funktionierende Gesellschaft zu erwerben.

Wolfgang Weber, Abteilungsleiter für Schule, Kultur und Sport bei der Bezirksregierung Münster, überbrachte die Grüße des Regierungspräsidenten Prof. Dr. Reinhard Klenke und bescheinigte den Berufskollegs flexible und kompetente Reaktionen auf die Anforderungen der Wirtschaft: „Eine besondere Leistung erbringen die Berufskollegs, da sie stets den Spagat zwischen der Marktfähigkeit und der Persönlichkeit ihrer Schülerinnen und Schüler meistern müssen.“
Als Gastredner wurde Prof. Dr. Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI) begrüßt. Baethge ist seit Jahren Mitglied der Autorengruppe „Bildungsberichterstattung“ und Mitherausgeber des 5. Bildungsberichts "Bildung in Deutschland 2014. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen" (W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2014). In seinem interessanten Referat über die Zukunftsperspektiven und Herausforderungen für die Berufskollegs betonte Baethge, dass sich die Berufskollegs wie keine andere Schulform mit den Veränderungen und Konflikten zwischen Bedarfen und Angeboten auf den Arbeitsmärkten auseinandersetzen müssten. Neben der Fortsetzung des sektoralen Wandels von Produktions- zu Dienstleistungstätigkeiten, seien sie damit konfrontiert, dass die Arbeitsmärkte aufgrund eines Zuwachses des Bedarfs an pflegenden und sozialen Berufen hinsichtlich ihrer Zuordnung von Berufen zu Geschlechtern „weiblicher“ würden. Zugleich bewirke das steigenden Angebot an Jugendlichen mit Migrationshintergrund auch eine zunehmende Internationalisierung der Arbeitsmärkte.
Hinzu komme der Trend eines generellen qualifikatorischen „Upskilling“, also eines Bedarfs an hochqualifizierten Arbeitskräften, und dem gegenüber ein stetiges Angebot von geringqualifizierten Arbeitnehmenden. Trotz sinkender Schülerzahlen, sei der Trend zum Abitur (mit über 50 % eines Altersjahrgangs) weiterhin ungebrochen bei gleichzeitiger Rückläufigkeit der Berufsausbildungsverhältnisse im dualen Ausbildungs- und im Teilzeitsystem. „Die Aufhebung sozialer Ungleichheit ist dabei nicht nur ein Gebot sozialer Gerechtigkeit, sondern auch der ökonomischen Vernunft.“, betonte Baethge. Die besonderen Herausforderungen an die Berufskollegs bestünden folglich in einer „doppelten Heterogenisierung“, zum einen aufgrund des ständigen Wandels der Berufsanforderungen und zum anderen der sich ständig verändernden Schülerschaft. Weiterhin müssten die Berufskollegs die Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen Allgemeinbildenden Schulen und der Berufsausbildung meistern und dies vor allem für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf wie geringer Qualifizierte, Behinderte oder Migranten.

Die Chance einer Erhöhung der Attraktivität der Berufsausbildung könne nur auf einem „neuen Königsweg“ erreicht werden, der die Durchlässigkeit von der Berufs- zur Hochschulausbildung durch die stärkere Gewichtung der theoretischen Fächer meistere: „Nur so können aus den 'Hidden Champions' wahre Meister werden.“
In seinem Impuls-Referat aus der Sicht des Schulleiters stellte sich Martin Lohmann die Frage, wie die Verantwortlichen der beruflichen Bildung und Ausbildung es schaffen können, „einem jungen Menschen einen Arbeitsbegriff zu vermitteln, mit dem er sich identifizieren kann? - Nur durch eine individuelle Sinnfindung, die dazu befähigt die Realität so anzunehmen, dass man sie auch gestalten – und nicht nur daran teilnehmen – kann.“ Eine entscheidende Rolle komme den Berufskollegs zu. Durch ihre berufliche Schwerpunktsetzung dienen sie als Brücke zwischen Bildung und Beruf und können die jungen Leute dabei unterstützen, ihre Möglichkeiten und Leistungen einzuschätzen und auszubilden sowie ihre individuellen Perspektiven realistisch auszuloten: „Erst wenn die Berufsfindung auf einer persönlichen Entscheidung beruht, wird der Beruf zur Berufung und damit zu einem Kulturgut.“, betonte Lohmann.

In seinem Impuls-Referat aus der Sicht des Unternehmers bedauerte Ingo Hoeper, Geschäftsführer der Mosecker GmbH & Co. KG Münster, dass die duale Ausbildung auch aufgrund eines Desinteresses der allgemeinbildenden Schulen unter den meisten Schülern „geächtet“ sei. Dagegen erprobe sein Unternehmen einige Rezepte, die diesen Bann brechen könnten: Dazu zählen die Lernkooperation, bei der Unternehmensvertreter in die Schulen gehen um den Schülern im unterrichtlichen Kontext relevante Inhalte zu vermitteln, die Berufsfeldvermittlung, bei der Schüler in die Unternehmen gehen, um als Praktikanten eigene Erfahrungen zu sammeln, und schließlich das duale Studium, dass Berufs- und Hochschulausbildung verbindet. Hoeper betonte, dass ein duales Studium nicht über der dualen Ausbildung stehe: „Unser Unternehmen zeigt, dass mit einer soliden Ausbildung auch ohne ein Studium eine erfolgreiche Karriere möglich ist.“ Er dokumentierte dies an interessanten Beispielen aus seinem Unternehmen.
Wolfram Schier von der BASF Coatings GmbH Münster dokumentierte in seinem Impuls-Referat aus der Sicht des Ausbildungsleiters das Konzept der „Berufsausbildung nach oben“.
Gemeint ist damit die stetige Weiterentwicklung eines jungen Menschen im Betrieb, angefangen vom Praktikum als Brücke zur betrieblichen Ausbildung. Nach der erfolgreichen Ausbildung stehen Entwicklungschancen in der Weiterqualifizierung zum Meister und Techniker oder auch der Weg ins Studium offen. Auch Schier verwies auf das Problem der sinkenden Attraktivität technischer Berufe und formulierte sein Rezept: „Wir müssen die duale Ausbildung in technischen Berufen besser verkaufen durch attraktives Marketing für ein attraktives Produkt.“

Die anschließende Podiumsdiskussion moderierte Dr. Hans-W. Gummersbach.

Text: Werner Grundhoff
Fotos: Laura Ortmeyer und Max Kruggel