„Tanztheater? Zeitgenössischer Tanz? Was wird uns denn dort erwarten? Etwa Ballettröckchen, weiße Strumpfhosen und rosa Schleifchen im Haar?“ - Das fragten sich wahrscheinlich einige der 26 Schülerinnen der Klasse 11 des Beruflichen Gymnasiums (GT 11) zum Schuljahresbeginn 2018. Und damit ließen sie sich auf ein spannendes kulturelles Experiment ein. Im Rahmen des Theaterpädagogischen Angebots hatten sie unter der Leitung von Esther von der Fuhr, Verantwortliche für Dramaturgie und Management des Tanztheaters Münster, und ihrer Klassenlehrerin Ulrike Grundhoff eine einmalige Gelegenheit: Sie wurden Patenklasse der Tanzproduktion „Eine Winterreise“ am Theater Münster. Diese Kooperation zwischen Schule und Theater bildet in diesem Schuljahr einen Höhepunkt im Rahmen des profilbildenden Schwerpunkts „Kulturelle Bildung“ am Beruflichen Gymnasium des Adolph-Kolping-Berufskollegs.
 
Tanz ist Kunstform und Leistungssport zugleich. Davon konnte sich die Klasse bei zahlreichen Trainingsbesuchen im Tanzsaal des Theaters überzeugen. Von „rosa Schleifchen“ keine Spur! In normaler Sportkleidung trainiert die multikulturell äußerst vielseitig zusammengestellte Tanzkompanie mehrere Stunden täglich. Ihr Tagesablauf erwartet körperliche Höchstleistung und die Fähigkeit zu individuellem Ausdruck mit Bewegungen. 
 
Musikalisches Gespür, Disziplin, Körperbeherrschung und Teamgeist brauchen die oft sehr jungen Mitglieder des Tanzensembles, um sich unter vielen Mitbewerbern durchzusetzen. Die Schülerinnen waren von der beruflichen Ernsthaftigkeit aber auch von der Leidenschaft der Tänzer schwer beeindruckt.
 
In diversen Gesprächen am Rande ihres Trainings berichteten die Mitglieder der Tanzkompanie von ihrem Idealismus und ihrer Liebe zu Tanz und Musik, ohne die eine erfolgreiche Tanzkarriere gar nicht möglich ist. In englischer, deutscher und italienischer Sprache erkundigten sich die Schülerinnen der GT 11 nach Hochschulen für Tanz, nach Karrierechancen und dem beruflichen Alltag als Tänzer. Neben den Einblicken in das Leben und den Beruf der Profitänzer durfte die Patenklasse auch die weiteren kreativen Arbeitsbereiche kennenlernen, die eine Theaterproduktion ausmachen.
 
Im Rahmen einer Exkursion besuchte die Klasse die Bühnenwerkstätten des Theaters in Roxel. Nach der Führung durch die verschiedenen Werkstätten sprachen die Schülerinnen mit Bühnenmalern, Bühnenplastikern und Bühnenbildnern und konnten hautnah erfahren, dass die Realisierung eines Bühnenbildes ein hohes Maß an Kreativität und Teamarbeit erfordert.
 
Im weiteren Verlauf der Kooperation entdeckte die GT 11 auf einer ausführlichen Hausführung das Theater Münster. Beim Bühnenbesuch wurden die Aspekte der Technik und Akustik beleuchtet, im Kostümfundus des Theaters wühlten sich die Schülerinnen durch die ausgefallensten Kostüme, die Schneiderei gewährte ihnen Einblick in ihre Ateliers und zum Abschluss der Theaterführung durften die Teilnehmerinnen fasziniert zusehen, wie Perücken maßgerecht und individuell in endloser liebevoller Fleißarbeit entstanden.
 
Dann stand als Kostprobe der Besuch des Tanzstücks „Unknown Territories“ im Kleinen Haus des Theaters auf dem Programm. Auch hier von „Ballettröckchen und weißen Strumpfhosen“ keine Spur! Vielmehr sorgte die Modernität der Choreographie und die Aktualität des Themas „Fremdsein“ für Überraschung und großes Interesse der Klasse.
 
Nach diesen intensiven Einblicken hieß es dann für die Schülerinnen „Bühne frei!“ und „Let’s dance!“. In insgesamt drei Workshops, konzipiert von Mitgliedern des Tanzensembles, hatten die Mädchen nun die Möglichkeit, ihre eigenen tänzerischen Fähigkeiten zu erproben. Schon nach einer halben Stunde Tanztraining war klar, so einfach ist das nicht! Tanz ist Kunst – und auch knallharte Arbeit, was in dieser Form ein unvergessliches Erlebnis für die Schülerinnen war.
 
Die Tanzproduktion „Eine Winterreise“ wird vom Sinfonieorchester Münster begleitet. Der Zweite Kapellmeister Thorsten Schmid-Kapfenburg lud die Schülergruppe für einen Vormittag zu einer Teilnahme an den Proben ein und gewährte ihnen Einblicke in den Orchestergraben. Er informierte sie über musikalische Besonderheiten von Franz Schuberts „Winterreise“, die das Sinfonieorchester in der sogenannten „komponierten Interpretation“ von Hans Zender einstudierte. Einige Musikinstrumente mussten extra für diese Inszenierung angeschafft werden, eine besondere Herausforderung war das Vertonen des Schneesturms.
 
Die literarturwissenschaftliche Vermittlung des in der Romantik entstandenen Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert nach den Texten von Wilhelm Müller übernahm Dr. Dr. h.c. Ernst Ribbat, Professor für Germanistik an der Universität Münster, der den Schülerinnen eine exklusive Vorlesung hielt. 
 
Werner Grundhoff, Deutschlehrer am Adolph-Kolping-Berufskolleg, entschlüsselte mit den Schülerinnen viele Bilder und Symbole des romantischen Liederzyklus und setzte sie mit der Choreografie und den Bühnenbildern in Beziehung.
 
In mehreren Bühnenproben, die mal mit und mal ohne Kostüme durchgeführt wurden, erlebte die Patenklasse den steigenden Erwartungsdruck der Vorbereitung einer realen Aufführung im Großen Haus des Theaters. Mehrfach wurde der Ablauf der Proben von Hans Henning Paar, dem Chefchoreografen und Künstlerischen Leiter des Tanztheaters, unterbrochen, um letzte Korrekturen vorzunehmen.
 
Am 8. Februar 2019 war es dann endlich soweit: Die 26 Schülerinnen der GT 11 des Beruflichen Gymnasiums besuchten die Aufführung der Tanzproduktion „Eine Winterreise“ im Theater Münster und erlebten wie die vielen von ihnen gesammelten Einzeleindrücke vor ihren Augen zu einem Ganzen verschmolzen – und nach dem letzten Ton hielt es die restlos begeisterten jungen Zuschauerinnen nicht mehr auf den Plätzen und sie belohnten das Tanzensemble für dieses grandiose Erlebnis mit tosendem Beifall und Standing Ovations.
 
Unser ganz besonderer Dank gilt Esther von der Fuhr, die Verantwortliche für Dramaturgie und Management am Tanztheater Münster, die das umfangreiche und vielseitige Programm für die Patenklasse GT 11 konzipiert und betreut hat. Unser Dank gilt ebenso Hans Henning Paar, Chefchoreograf und Künstlerischer Leiter des Tanztheaters, der die Schülerinnen am spannenden Entstehungsprozess der Tanzproduktion hat teilhaben lassen und in vielen Gesprächen für ihre Fragen offen war, und auch Laszlo Nyakas, dem stellvertretenden Künstlerischen Leiter, Assistenten und Trainingsleiter, für die vielen Einblicke bei den Probenbesuchen. 
 
Und last not least: Die Künstler! Vielen Dank an das Tanzensemble des Theaters Münster für die schönen und spannenden Augenblicke – sie werden uns allen unvergesslich bleiben.
 
Text: Ulrike Grundhoff